Interview mit Stephan Reichart zur Novellierung der Medienförderung

Redaktion   //   April 19, 2012   //   0 Kommentare

Stephan Reichart fordert die gleichberechtigte Medienförderung in Deutschland und sammelt über Facebook derzeit fleißig Unterstützer. Im Interview erklärt er uns, was genau eigentlich die Zielsetzung der Initiative ist, wie es um die Unterstützung mit den Branchenverbänden steht und welche nächsten Schritte abseits der Facebook-Gruppe zu gehen sind.

 

Making Games Was genau ist der Kern eurer Forderungen? Abschaffung aller Förderungen für Gleichberechtigung? Neuverteilung der Gelder? Aufstockung der Fördertöpfe? Steuererleichterungen, wie sie die TIGA in UK durchgesetzt hat?
Stephan Reichart Nein, es zeigt sich in den bisherigen Diskussionen und Feedbacks, dass es uns nicht darum geht, der Film- und TV-Industrie Gelder wegzunehmen und für Games »umzunutzen«, sondern dass wir ein gleichberechtigtes Fördermodell für Games brauchen, das auch ähnlich funktionieren könnte. Aktuell werden für Games in Deutschland nur rund 1,5 bis 2,5 Prozent der Fördergelder ausgegeben, wie sie der Film zur Verfügung hat. Film & TV werden in Deutschland über den DFFF und die über 20 Länderförderungen jährlich mit bis zu 300 Millionen Euro unterstützt, ein Teil davon als rückzahlbare Darlehen, ein Teil als verlorener Zuschuss (rund 60 Millionen Euro im Jahr durch den DFFF), also nicht zurückzuzahlen. Außerdem stehen rund 27 Millionen Euro für die Förderung kulturell wichtiger Filmprojekte, Museen, Dokumentationen usw. zur Verfügung. Games bekommen dagegen nach unseren Nachforschungen maximal rund 2 Millionen Euro jährlich durch die Länderprogramme als Darlehen und durch den DCP, der bis zu 300.000 Euro Preisgelder durch den Bund vergibt. Das wollen und müssen wir ändern. Auf der Website des DFFFs weist der BKM Neumann daraufhin, dass durch die Zuschüsse des Fonds in den letzten fünf Jahren rund 1,8 Milliarden Euro an Investitionen durch Filmprojekte in Deutschland entstanden sind. Das wiederum bedeutet, dass der Bund rund 55 bis 60 Millionen Euro jedes Jahr an MwSt. eingenommen hat – also hat ihn der DFFF streng genommen im Jahr nur maximal 5 Millionen Euro gekostet … Und weil im Games-Bereich gerade sehr viel Geld investiert wird, würde ein ähnliches Modell, z.B. ein DGFF wahrscheinlich zu mehr Investitionen führen als im TV- und Filmbereich. Außerdem müssen die Länderförderungen mehr als nur 2 Prozent ihrer Gelder für Games-Projekte zur Verfügung stellen. Hintergrund unserer Initiative ist ja vor allem, dass es bald erhebliche Förderungen in UK, Italien, Frankreich etc. geben wird und die deutsche Politik mal wieder eine Riesenchance verpasst und mit offenen Augen und tauben Ohren verschläft, was in Europa gerade passiert.

Making Games Wie haben die Verbände auf eure Initiative reagiert und werden sie euch in Zukunft offiziell unterstützen? BIU und GAME gründen immerhin eine gemeinsame Stiftung für interaktive Unterhaltungsmedien, lässt sich da gemeinsam zum Schlag ausholen?
Stephan Reichart Ja, sie unterstützen uns und werden dazu sicherlich bald Stellung beziehen. Mir war es aber wichtig, die Diskussion rund um Förderungen losgelöst von den Verbänden zu starten, weil mir bei allem, was BIU, Bitkom, GAME usw. machen können/dürfen, die öffentliche Debatte fehlt. Und mir war es wichtig, mit allen darüber diskutieren zu können, unabhängig davon, ob und in welchem Verband man organisiert ist. Und wie es die aktuellen Beiträge in unserer Gruppe zeigen, war das auch gut so, aber ich freue mich sehr, dass die Initiative von den Verbänden so positiv aufgenommen wurde.

Making Games Könnt ihr über Facebook wirklich effektiv die gesamte Branche ansprechen oder müssten für die Initiative nicht öffentlichkeitswirksamere Kanäle genutzt werden? Offenbar hat sich die Piratenpartei in NRW gerade eure Forderung nach Gleichberechtigung ins Programm geschrieben. Werdet ihr verstärkt direkt auf die Politik zugehen und Pressearbeit machen?
Stephan Reichart Ja, wir brauchen jetzt die Unterstützung aller Fraktionen und aller jungen Medienpolitiker, die Begreifen, welche Chancen uns die Games-Branche in Deutschland bietet. Daher bin ich froh, dass die Piraten hier den Anfang machen, selbst wenn es zwischen den Piraten und (Games-)Urhebern natürlich auch eine Menge Diskussionen rund um Content, Rechte usw. gibt. Aber ohne eine schnelle Reaktion der Politik und eine breite Öffentlichkeit wird es – etwas überspitzt – bald keine Gründe mehr geben, über deutsche Urheberrechte im Games-Markt zu diskutieren, denn wenn ich im europäischen Heimatland der Games-Industrie und sogar in Italien bald 20 Prozent meiner Produktionskosten zurückbekomme, dann werden auch unsere deutschen Studios und Publisher zu Recht darüber nachdenken, warum sie noch hier bei uns produzieren und entwickeln sollen und die internationalen Publisher erst recht.

Making Games Was sind die wichtigsten nächsten Schritte auf dem Weg zur gleichberechtigten Medienförderung und welche Rolle genau wird dabei eure Initiative spielen?
Stephan Reichart Wir bieten vor allem die Diskussionsbasis und ich versuche mit meinen Kontakten, diese Diskussion in die Politik und Presse zu bringen. Welche Modelle wir im Detail fordern, welche Dynamik die Debatten bekommen usw. kann ich natürlich nicht sagen, aber ich glaube, dass es jetzt vor allem darum geht zu zeigen, dass wir nicht mehr alles mit uns machen lassen, sondern endlich selbstbewusst unsere Rechte einfordern. Leicht wird es nicht, aber wir dürfen uns nicht mehr wie die Schmuddelkinder der Medienbranche behandeln lassen. Und das geht nur, wenn sich möglichst viele Unternehmer, Mitarbeiter, Freiberufler usw. aus der Games-Branche gemeinsam zu Wort melden und an der Diskussion namentlich beteiligen, wie Carsten Fichtelmann, Kirk Lenke, Teut Weidemann, Florian Stadlbauer, Stephan Winter, Timo Ullmann usw.
 

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