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Casual in der Sackgasse

Christian Schmidt   //   September 16, 2010   //   0 Kommentare

Casual-Spiele im Jahre 2010: Wimmelbild, Wimmelbild, Wimmelbild, Heldinnen, 7 Stunden Spielzeit. Wo sind Flexibilität und Innovation? Woanders.
Mainstream Casual ist satt, träge und feige, sagt Christian Schmidt.

 

»The Future is Mainstream. The Future is Casual Games«, hat die amerikanische Casual Games Association (CGA) als Motto ausgegeben. Wir lösen die Gleichung auf: (Future = Mainstream) + (Future = Casual Games) -> Future = Casual Games + Mainstream. In der Zukunft werden Casual Games zum Mainstream? Der Wunsch ist längst Wirklichkeit.
2,25 Milliarden Dollar wurden 2007 weltweit mit Casual Games umgesetzt, so hat die CGA ermittelt, 2009 waren es 3 Milliarden Dollar, ein Wachstum von 25% in zwei Jahren. Dabei sind Handy-Spiele, iPhone-Apps und Facebook-Games schon eingerechnet. Auf mobiles Spielen entfällt inzwischen fast ein Drittel (!) dieses Milliardenumsatzes, Free2Play-Spiele, vor allem im gigantischen asiatischen Markt, steuern noch mal weit mehr als ein Drittel bei. Dagegen nimmt sich das klassische Casual-Geschäft auf PCs und Konsolen schon fast bescheiden aus. Am ganzen Wachstumsreigen hat es, oh Wunder, nur untergeordneten Anteil. Ist der Markt gesättigt? Es sieht nicht so aus. Sind die »alten« Plattformen Auslaufmodelle? Wohl kaum. Im Gegenteil: Das unerschlossene Potenzial all der neuen Laptops und Netbooks im Westen, der PCs in Schwellenländern dürfte enorm sein. Und klar, klassisches Casual wächst ja weiter, mit Raten, von denen die krisengebeutelte Hardcore-Industrie nur träumen kann. Wer sich ansieht, was da Monat für Monat auf den Markt flutet, muss trotzdem ins Grübeln kommen. Klassisches Casual auf dem PC und den Konsolen befindet sich auf dem Weg in eine Sackgasse. Und zwar gerade deshalb, weil es inzwischen Mainstream ist, mit allen Konsequenzen für die Strukturen, Anbieter und Produkte: Mainstream-Casual im Jahr 2010 ist selbstgefällig, träge, unflexibel und schlecht auf die Zukunft vorbereitet.

Ein typischer Tag auf Big Fish Games: Viermal Frauenfiguren, viermal Zeichengrafik, dreimal Krimi.

Mainstream-Casual stagniert inhaltlich und stilistisch.


Mehr als 80% aller Neuerscheinungen sind mittlerweile Hidden-Object-Games (deutsch: Wimmelbildspiele) wie die Mystery-Case-Files-Saga, Click Management wie Diner Dash oder Match-3 wie Fishdom, dazu kommt ein Wust immergleicher Karten- und Wortspiele. Bigfishgames.com hat Mitte März bis Anfang April in 21 Tagen 15 neue Hidden-Object-Spiele veröffentlicht, in der Top 10 der beliebtesten Spiele stehen auf allen zehn Plätzen Wimmelbild-Abenteuer -- dagegen sind die Charts bei Hardcore-Titeln mit ihren Ego-Shootern, Sims-Addons und Rollenspielen ein wahres Wunderland der Genrevielfalt. Dabei ist die Dominanz einiger weniger Genres (und damit Spielmechanismen) nicht einmal das Problem. Schwerer wiegt, dass sich die Spiele bis zur Austauschbarkeit ähneln. Der Hardcore-Markt reagiert auf Genreballung traditionell mit einem mehr oder weniger raschen Prozess der kreativen Ausdifferenzierung, der Marken unterscheidbar macht. Call of Duty, Battlefield: Bad Company und Halo folgen praktisch identischen Spielmechanismen, dennoch dürfte sie kaum jemand miteinander verwechseln. Wer kann dagegen auf Anhieb Nightfall Mysteries: Curse of the Opera, Dark Parables: Curse of Briar Rose oder Millennium Secrets: Emerald Curse auseinander halten? Alle drei Wimmelbild-Krimis sind innerhalb eines Monats erschienen, von unzähligen ähnlichen Titeln ganz zu schweigen. Missy, Mystery, History: Die Inszenierung der meisten Casual-Spiele folgt der Erfolgsformel Heldin + Geheimnis + Historien-Touch, in Szene gesetzt in cartooniger Zeichengrafik. Mainstream-Casual definiert sich über einen erschreckend armseligen Pool von Klischees (was die Hersteller nicht etwa durch flexibleres Design ausgleichen, sondern durch Investment in bekannte Markenlizenzen wie Sherlock Holmes, Agathe Christie oder Women’s Murder Club). Mainstream-Casual ist kreativ ausgemergelt, stilistisch glattgebügelt und ideenarm.

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