Entwicklung

Fünf Irrtümer über Game Design

Dirk Riegert   //   Juli 16, 2010   //   0 Kommentare



Das Klischee
Irgendein vollklimatisierter Saal irgendeiner Entwicklerkonferenz diesseits oder jenseits des Atlantiks. Junge Menschen auf unbequemen Stühlen lauschen den Ausführungen der alten Hasen auf dem Podium. Das Thema: »How to break into the industry«. Viele Allgemeinplätze wurden in den letzten 60 Minuten besucht, nun ist Fragestunde. Ein junger Mann mit viel Haar und wenig Frisur erhebt sich. Sein Problem: Er hat eine großartige Spielidee, die er nur allzu gern den weltgrößten Publishern bei einer vertraulichen Audienz anbieten würde. Aber wie nur soll er sich gegen geistigen Diebstahl absichern? »Was, wenn die mir meine Ideen einfach klauen? Kann man sich irgendwie davor schützen?« Der junge Mann blickt hilfesuchend hinauf zum augenrollenden Podium. Irgendein freundlicher Dinosaurier der Spielentwicklung dort oben seufzt und erbarmt sich einer Antwort.

Die Wirklichkeit
Die Illusion von der genialen Idee ist ebenso hartnäckig wie langlebig. Man trifft sie, wie oben beschrieben, auf Podiumsdiskussionen einschlägiger Fachmessen an. Fragt man in Bewerbungsgesprächen nach dem wichtigsten Alleinstellungsmerkmal eines Game Designers, so erhält man ebenfalls häufig die Antwort, es käme vor allem darauf an, möglichst viele »geniale Ideen« zu entwickeln.
Diese Vorstellung von Game Design ist ebenso romantisch wie falsch. Der Wert einer Idee und die Bedeutung von Kreativität werden gerade von interessierten Laien und Berufseinsteigern oft systematisch überschätzt. Man spielt das Spiel einer lebenden Legende wie Will Wright, Shigeru Miyamoto oder Sid Meier und bemerkt trotz aller Bewunderung etwas, das einem falsch vorkommt. Man hat eine Idee, wie es besser gehen könnte. Vielleicht hat man sogar eine Idee zu einem ganz neuen Spiel. Und vielleicht hält man sie im Überschwang sogar für genial. Vom Schöpfer genialer Ideen zum veritablen Game Designer scheint der Weg dann nicht weit -- und schon ist man der Selbsthypnose erlegen.
Ohne Frage, eine geniale Idee ist eine großartige Sache. Nur leider entpuppen sich die meisten vermeintlich genialen Ideen bei genauerer Betrachtung als Hirngespinste, Plagiate, Mogelpackungen oder Eintagsfliegen. Wäre man als Game Designer allein von außergewöhnlichen Geistesblitzen abhängig, gliche die Arbeit einem Glücksspiel. Zudem haben Game Designer kein Monopol auf Ideen. Im Gegenteil: Die Ideen strömen permanent aus allen Richtungen auf Game Designer ein: Zunächst aus dem gesamten Entwicklungsteam, aber auch aus der Community der Spieler, aus anderen Spielen, anderen Medien und nicht zuletzt auch aus dem eigenen Alltag.
Je wacher ein Game Designer ist, desto bewusster wird er diesen Strom von Ideen und Eindrücken wahrnehmen. Je talentierter und erfahrender er ist, desto kunstfertiger wird er mit all diesen Ideen jonglieren können, statt unter ihrer Last zusammenzubrechen. Hinzu kommen meist Sachzwänge und Zeitlimits, die der Designer ebenfalls im Griff haben muss. Kreativität bedeutet in diesem Zusammenhang weniger Kunst, dafür mehr Handwerk; weniger Begabung, dafür aber mehr Technik. Der Game Designer muss in der Lage sein, innerhalb eines bestehenden Produktionsrahmens praktikable Lösungen zu produzieren. Um das zu erreichen, benötigt er vor allem zwei Dinge: Systemdenken und Kommunikationsfähigkeit.
Das systematische Denken ermöglicht es dem Game Designer, verschiedenste Blickwinkel einzunehmen, die Potenziale und Zwänge unterschiedlicher Entwicklungsdisziplinen miteinander zu verknüpfen, Interessen abzuwägen und dem Spiel zugrunde liegende Systeme und Mechanismen zu durchschauen und diese zu optimieren. Ein Game Designer ohne besondere Kombinationsgabe und ohne logisches Verständnis wird bestenfalls in der Lage sein, einer Spieleentwicklung beizuwohnen -- steuern wird er sie aber nicht können.
Kommunikative Fähigkeiten sind wichtig, da Spieleentwicklung immer eine Teamleistung ist. Kommunikation gliedert sich in drei Bereiche: Zuhören, Vermitteln und Überzeugen. Alle drei sind von elementarer Bedeutung für Game Designer. Er muss zuhören können, denn sein eigenes Wissen ist begrenzt. Andere könnten jederzeit hilfreiche Informationen bereithalten. Er muss vermitteln können, denn oft gibt es im Team mehr als eine mögliche Lösung, die das Spielerlebnis positiv beeinflussen könnte. Er muss auch überzeugen können, denn Moderation alleine ist nicht ausreichend. Niemand wird einem Game Designer folgen, wenn dieser keine Orientierung bietet und keine Sicherheit vermittelt. Das Team muss davon überzeugt sein, dass er ein klares Bild von dem Spiel hat, das sie zusammen erarbeiten werden.
Das waren sie, die wichtigsten Eigenschaften eines Game Designers. Und was ist nun mit der Kreativität? Ist sie faktisch bedeutungslos? Natürlich nicht. Aber Kreativität definiert weder den Game Designer als Person noch Game Design als Entwicklungsdisziplin. Sie ist eine Sekundärtugend, deren Vorhandensein bei allen Spielentwicklern vorausgesetzt wird.
Es gibt wichtigeres als vermeintlich geniale Ideen!

<< erste Seite  < vorherige Seite  |  nächste Seite >

Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Um einen Kommentar hinterlassen zu können, müssen Sie sich zuerst anmelden oder registrieren.

» zur Anmeldung
» zur Registrierung