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Wie überlebe ich eine Insolvenz?

Jan Theysen   //   Dezember 9, 2011   //   0 Kommentare

Der Bremer Entwickler King Art wurde bei der Insolvenz des Publishers HMH Interactive schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Geschäftsführer Jan Theysen schildert den fast aussichtslosen Kampf mit dem Insolvenzverwalter und erzählt, wie am Ende die Marke »The Book of Unwritten Tales« gerettet werden konnte.

 

Wir waren euphorisch. Unser erstes großes eigenes Spiel, das Adventure »The Book of Unwritten Tales«, erhielt Traumwertungen von der Presse und verkaufte sich noch Wochen nach dem Release hervorragend. Es zeichnete sich ab, dass wir – im bescheidenen Rahmen des Genres – einen Hit gelandet hatten. Und nicht nur das: Wir waren Co-Publisher, hatten eigenes Geld in das Projekt investiert und konnten uns daher auf einen ordentlichen Gewinn freuen.
Außerdem gab es bei unserem Publisher HMH optimale Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit. Wir hatten ein sehr engagiertes Team, viel künstlerische Freiheit und den Willen, gemeinsam zu wachsen. Das nächste gemeinsame Projekt sollte ein Rollenspiel werden. Viel größer als ein Adventure, der nächste logische Schritt für uns. Unser Konzept kam gut an, das Projekt sollte starten. Es mussten nur noch einige Fragen zur Finanzierung geklärt werden …

Das Adventure »Die Vieh Chroniken« ist das Prequel zum sehr erfolgreichen Spiel »The Book of Unwritten Tales«. King Art hat einen Großteil der Produktion während der Insolvenzphase aus eigener Tasche weiterfinanziert.

Lesson learned #1 – Hörst du es, ist es bereits zu spät
Plötzlich tauchten Gerüchte auf. Rechnungen würden unpünktlich bezahlt, also selbst für Publisher-Verhältnisse… Aufträge würden nicht erteilt, Zulieferer wollten nur noch per Vorkasse arbeiten. War das möglich? HMH war eine Tochter von Langenscheidt! Ein grundsolides, vertrauenswürdiges Unternehmen.
»Noch NIE ist eine Langenscheidt-Tochter in Insolvenz gegangen. Wenn es Probleme gibt, wird eine Langenscheidt-Tochter heimlich, still und leise abgewickelt. Eine Insolvenz würde viel zu viel Aufmerksamkeit erregen.«
Denkste! Wenn bei dir als Entwickler ankommt, dass es bei einem Publisher rauchen könnte, brennt schon längst die Hütte.

Lesson learned #2 – Vergiss es
»So 50-80 Prozent Quote wird am Ende rauskommen. Wenn’s gut läuft auch 100 Prozent. Eigentlich ist das nur so etwas wie ein Cashflow-Problem. Das Unternehmen wird natürlich fortgeführt!«
Zu dem Zeitpunkt, als wir solche Sätze aus Richtung der HMH-Chefetage und des Insolvenzverwalters hörten, betrug die »Quote« (der Anteil der Schulden, die das insolvente Unternehmen seinen Gläubigern zurückzahlen kann) rund 30 Prozent. Und es gab noch eine Reihe offener Forderungen und werthaltiger Marken. Wir dachten, vielleicht bekämen wir zumindest die Hälfte des Geldes zurück, das HMH uns schuldete...
Vergiss es! Egal, wie viel Geld das insolvente Unternehmen noch hat, dein Geld ist weg.
Unser Anwalt, der schon mehrere Insolvenzen begleitet hatte, riet uns, mit zwei bis drei Prozent Quote zu rechnen. Es sei davon auszugehen, dass sich, sobald die Insolvenz erst einmal eröffnet sei, schreckliche Probleme ergeben würden und sich sehr viele einfache Dinge plötzlich nicht mehr klären ließen; bis sich dann, kurz bevor die Reserven des insolventen Unternehmens aufgebraucht seien, alle Probleme in Luft auflösten und sich plötzlich wie von Geisterhand Lösungen ergäben. Er sollte Recht behalten.

Ende 2010 legt JoWood The Book of Unwritten Tales in einer Adventure-Company-Edition für den internationalen Markt neu auf. Das Spiel lässt sich aufgrund von Änderungen nicht mehr durchspielen und wird mit einer gecrackten Startdatei einer bekannten Hackerseite ausgeliefert. King Art geht daraufhin an die Öffentlichkeit.Lesson learned #3 – Wir sind in der falschen Branche
Ein Insolvenzverwalter soll versuchen, ein angeschlagenes Unternehmen weiterzuführen und Arbeitsplätze zu sichern. Dafür muss er mit den Gläubigern schwierige Verhandlungen führen, denn die müssen auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Hunderte Verträge, dutzende Gläubiger, Millionen von Euro. Um diese schwierige Aufgabe meistern zu können, wird der Insolvenzverwalter vom Gesetz mit allen nur erdenklichen Möglichkeiten ausgestattet. Und so lange er sich nicht grob fahrlässig verhält, kann man ihn kaum für Fehlentscheidungen belangen. Man kann ihn auch fast nicht mehr loswerden oder austauschen, egal wie ungeschickt er sich anstellt. Und gleich nach dem Staat (Steuern) erhält als allererstes der Insolvenzverwalter sein Geld aus der Masse.
Man kann sich als Gläubiger nicht des Gefühls erwehren, dass man indirekt vor allem Anwälte, sinnlose Prozesse und Gutachten bezahlt. Ebenso fließt Geld an Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und vermeintliche »Brachenexperten«, die dann auch gerne mal diejenigen sind, die das insolvente Unternehmen gegen die Wand gefahren haben (die wissen schließlich, wie man’s macht). Währenddessen schmilzt die Quote für uns Gläubiger zusammen. Es scheint ein Systemfehler zu sein: Der Insolvenzverwalter will Geld verdienen. Und je länger seine Mitarbeiter mit einer Insolvenz beschäftigt sind, desto mehr Stunden kann er in Rechnung stellen.
Wir haben also ein gewinnorientiertes Unternehmen mit Narrenfreiheit, das mehr Geld verdient, je mehr es ein Verfahren in die Länge zieht. Na, liebe Game Designer: Wer entdeckt den Exploit?
In der Praxis heißt das: Probleme werden nicht gelöst, Abmachungen gebrochen, Verträge nicht eingehalten, es wird sich nicht gekümmert, es wird auf die Bremse getreten – alles so lange man dem Insolvenzverwalter nur Inkompetenz und einfache Fahrlässigkeit, nicht aber Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit unterstellen kann.
Wenn ihr es moralisch vertreten könnt, werdet Insolvenzverwalter. Es ist einer der wenigen Jobs auf der Welt, bei dem man mehr verdient, je unfähiger man sich anstellt. Aber ganz ehrlich, man wünscht nicht einmal seinem größten Feind, einmal auf der anderen Seite stehen zu müssen.

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Lesson learned #4 – Es macht keinen Spaß, Gläubiger zu sein
Aber wenn der Insolvenzverwalter Teil des Problems anstatt Teil der Lösung ist, wenn er die Existenz von Gläubigerunternehmen durch sein Verhalten gefährdet … kann man dann nicht klagen?
Kann man schon. Aber was bedeutet das? Man hat nicht nur eigene zusätzliche Kosten, man bezahlt indirekt über die Quote auch die Gerichtskosten und sogar die gegnerische Seite. Und der gegnerischen Seite bringt jeder Tag vor Gericht mehr Geld in die Kasse. Selbst wenn der Insolvenzverwalter das Gerichtsverfahren mit Pauken und Trompeten verliert, weil er so falsch liegt wie man nur falsch liegen kann, freut er sich noch. Ab in die aussichtslose Revision, das bringt noch mal Kohle!
Wie will man einen Gerichtsstreit gegen jemanden gewinnen, der jahrelang Zeit hat und nur das Geld anderer Leute verbrennt? Warum soll der sich mit einem einigen? Es ist ein Gefühl der Ohnmacht. Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Wenn ein Freiberufler oder eine Firma, mit der man Geschäfte macht, wiederholt Mist baut, dann kündigt man oder droht mit gerichtlichen Konsequenzen. Den Insolvenzverwalter aber interessiert das nicht. Eine der stärksten Waffen, die man im Geschäftsleben hat, ist in einem Insolvenzverfahren de-facto nutzlos.

Die Vieh Chroniken wurde am 6.10.2011 veröffentlicht. Die »The Book of Unwritten Tales Collection« beinhaltet nicht nur beide Teile der Spieleserie, sondern auch den Soundtrack und ein mehr als 100 Seiten starkes Making-of-Buch mit vielen Einblicken in die Produktion der Adventures.

Lesson learned #5 – Rettungsanker
Wie aber kommt man dann als kleiner Entwickler aus solch einer Sache wieder heraus? Die Insolvenz von HMH und das Verhalten des Insolvenzverwalters hätten leicht das Ende von King Art bedeuten können. Wir hatten Glück, mehr oder weniger kurzfristig ein anderes Projekt zu finden, mit dem wir unsere Kosten decken konnten. Diese finanzielle Absicherung, sowie die Tatsache, dass wir einige Rettungsanker in unseren Verträgen mit HMH und einen guten Anwalt hatten, haben uns letzten Endes gerettet.
Wir haben uns im Vertrag zum Beispiel zusichern lassen, dass HMH die Rechte an The Book of Unwritten Tales nicht ohne unsere Zustimmung verkaufen darf und dass Fortsetzungen nur mit uns gemacht werden dürfen. Ohne diese Klauseln wäre die Marke vermutlich sofort zu Geld gemacht worden und wir wären der Möglichkeit beraubt gewesen, für »Die Vieh Chroniken« einen neuen Publisher zu finden.
Auch die Rechte an der Marke »The Book of Unwritten Tales« wären nach einigen Jahren an uns zurückgefallen. So hatte der Insolvenzverwalter letztlich einen Wert in der Masse, den er nur bei uns zu Geld machen konnte und der ansonsten für ihn wertlos war. Allein dieser Tatsache war es wohl schließlich geschuldet, dass sich der Insolvenzverwalter mit uns geeinigt hat.
Was kann man sonst noch tun? Uns scheint PR und Öffentlichkeitsarbeit ein guter Angriffspunkt zu sein. Insolvenzverwalter werden von Gerichten bestellt, und ein Insolvenzverwalter mit zu viel schlechter Presse hat es vielleicht in Zukunft schwerer.
Auf jeden Fall sollten sich die Gläubiger vernetzen. Bei uns ist das leider nicht geschehen. Spricht man mit anderen Betroffenen, fallen jedoch sofort die Gemeinsamkeiten auf und man kann Muster im Verhalten der Gegenseite schneller erkennen. Man muss nicht jeden Fehler selbst machen und kann möglicherweise auch die Ressourcen in einen Topf werfen. Es gibt mittlerweile auch Vereine und Interessengemeinschaften, die sich gegen das aberwitzige Insolvenz»recht« in Deutschland zu Wehr setzen.
Im größeren Maßstab betrachtet bleibt nur, immer wieder auf diese Missstände hinzuweisen und zu versuchen, das öffentliche Interesse daran zu wecken. Denn eigentlich ist es ganz einfach: Die ganze Insolvenz-Sache ist so schräg, dass sie kaum jemand für eine gute Idee halten kann. Es ändert sich nur nichts, weil zu wenige davon wissen und der Druck auf die Politik daher nicht groß genug ist.
Jan Theysen

 

 

 

 

Jan Theysen
ist Geschäftsführer von King Art.

Jan Theysen, Jahrgang 1979, gründete King Art zusammen mit seinem Partner Marc König im Jahr 2000. Seit elf Jahren entwickeln die Bremer Spiele. Nach der Entwicklung von Story, Rätseln und Design für Black Mirror 2 konzentrierte sich King Art auf die ersten eigenen Adventures »The Book of Unwritten Tales« sowie den Nachfolger »Die Vieh Chroniken«. Neben Eigenproduktionen entwickelt King Art auch Browsergames als Dienstleister.

 

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