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Leadership: Exploring the Myth

Christopher Schmitz, Holger Nathrath   //   Juni 30, 2011   //   1 Kommentar

 

Was sind die zentralen Anforderungen an Führungskräfte in der Games-Branche? Nach welchen Kriterien sollen Aufgaben und Verantwortlichkeiten verteilt und kontrolliert werden? Die Ubisoft-Producer Christopher Schmitz und Holger Nathrath gehen diesen Fragen auf den Grund.

 

Obwohl die Spielebranche nach wie vor eine junge Branche ist, entwickelt sie sich rasant und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das zeigt sich nicht nur an der stetig wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz und den stark steigenden Umsätzen der gesamten Branche in den letzen Jahren, sondern schlägt sich auch in steigenden Budgets und damit einhergehend in wachsenden Produktions- und Profitabilitätsrisiken nieder.
Seit den ersten Versuchen interaktiver Bildschirmunterhaltung in Form von Ataris bahnbrechendem »Pong« aus dem Jahre 1972 hat sich die Branche von Grund auf gewandelt. Aus Projekten, die mit viel Selbstaufopferung häufig ohne relevante Kosten in einer Garage entwickelt wurden, sind internationale Multimillionenprojekte geworden, für die große Teams mit oft hunderten Mitarbeitern benötigt werden. Solche Produktionen stellen ein gigantisches organisatorisches Unterfangen dar und können im Falle eines Scheiterns auch einen Major Publisher schnell in eine finanzielle Schieflage bringen. Um diesen neuen Anforderungen gerecht werden zu können, sind in allen Bereichen der Projektdurchführung moderne Management-Methoden notwendig.

An der Entwicklung von Assassin's Creed: Brotherhood waren bei Ubisoft Montreal Hunderte Mitarbeiter beteiligt. Ihnen allen wurde innerhalb eines klar definierten Prozesses ein hohes Maß an Entscheidungsfreiheit gelassen.

Der Status Quo
»Management« und »Leadership« sind Begriffe, auf die man in diesem Zusammenhang unweigerlich stößt. In großen Projektteams stellen die Teamorganisation und die Verteilung von Verantwortlichkeiten in Form von Führung und Management entscheidende Faktoren dar, die den Erfolg einer Produktion immens beeinflussen. Über sie wird nicht nur in der Management-Theorie heftig debattiert. Auch in der Praxis ergeben sich immer wieder Kontroversen darüber, welche Mitarbeiter eigentlich nun in welchem Bereich Führungsaufgaben übernehmen, das Projekt lenken und entsprechend also die Zügel in der Hand halten dürfen. Konflikte über Zuständigkeiten sind entsprechend an der Tagesordnung, denn häufig sind Organisationen durch ein vielschichtiges Geflecht aus formeller und informeller Führung, strukturierender, überwiegend organisatorischer Führung sowie inhaltlicher Leitung gekennzeichnet, die den Mitarbeitern das gemeinsame Ziel -- die Vision -- vermitteln soll.
Vor einem solch heterogenen Hintergrund können innerhalb eines Teams extreme Kräfte frei werden, die sich in unkoordinierten Machtbestrebungen äußern und damit eventuell zu schweren Spannungen führen. Dazu reicht schon das schlichte Bestreben eines einzelnen Mitarbeiters, den an ihn gerichteten Erwartungen möglichst umfassend gerecht zu werden und eine ihm anvertraute Aufgabe gut zu erfüllen. Wenn dann ein anderer Mitarbeiter womöglich ein ähnlich definiertes Ziel verfolgt, besteht die Gefahr, dass sich beide irgendwann in die Quere kommen und potenziell in einen mehr oder weniger schweren Konflikt geraten. Dies ist alles andere als zielführend und für alle Projektbeteiligten wenig wünschenswert.

Ubisofts Teamstruktur beim Projekt »My Fitness Coach Club« für PS3 und Wii.

Ziel dieses Artikels ist es, diese Problematik ausführlich zu analysieren und mögliche Lösungsansätze für die optimale Gestaltung von Verantwortung -- und damit Macht -- innerhalb eines Teams zu entwickeln und kritisch zu hinterfragen: Braucht ein erfolgreiches Team einen starken Leader und »Keeper of the Vision«, während ein anderer für das administrative Management zuständig ist? Oder ist es wünschenswerter, die Verantwortung für die Gesamtvision, die Projektarbeit und die Organisation tief in das Team zu tragen und damit den Teammitgliedern ein höheres Maß an Selbstbestimmung zuzugestehen?
Um dies genauer zu untersuchen müssen die Konzepte von »Leadership« und »Management« differenzierter beleuchtet und gegeneinander abgegrenzt werden. Hierzu haben wir die akademische Diskussion aus der aktuellen Management-Literatur kritisch reflektiert und zusätzlich unsere eigenen Erfahrungen aus Produktionen wie »Die Siedler Online« oder »Anno 1404« sowie die Erkenntnisse anderer erfolgreicher Producer erfasst und ausgewertet.

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Kommentare

Tom K.   //   Juli 2, 2011

Vielen Dank für diesen genialen Artikel! Nach so einer tollen Lektüre zum Thema habe ich schon lange gesucht! :-)

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