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»Es wurde dann größer« — ein Gespräch mit Pong-Erfinder Allan Alcorn

Heiko Klinge   //   Oktober 14, 2009   //   0 Kommentare

Er hat gemeinsam mit Nolan Bushnell 1972 Atari gegründet und einen jungen Mann namens Steve Jobs eingestellt. Der studierte Computerwissenschaftler und Elektrotechniker entwarf damals den ersten Pong-Automaten. Wir plaudern mit Allan Alcorn über die Pionierzeit unserer Branche, aber auch über ihre Zukunft.

Heiko Klinge Allan, danke dass du dir die Zeit genommen hast, ein wenig mit uns über Spiele zu plaudern. Mit unserer Branche hast du ja nur noch selten zu tun. Was genau machst du eigentlich gerade?

Allan Alcorn Ich bin technischer Direktor eines neuen Unternehmens, das Integrated Media Measurement heißt. Schaut einfach im Internet unter immi.com nach, um mehr zu erfahren. Wir messen das Konsumentenverhalten bei Fernseh- und Radiosendungen und verwenden dafür Handys. Es ist ein neues Startup-Unternehmen. Eigentlich mache ich ja seit Jahrzehnten nichts anderes als Startups. Atari war mein erstes.

Eigentlich mache ich seit Jahrzehnten nichts anderes als Startups. Atari war mein erstes.

Heiko Klinge Okay, das war ein definitiv ordentliches Debüt. Ich habe gelesen, dass du eine Firma gegründet hast, in der ihr Spielzeuge baut, die mit Computern interagieren. Was hat es damit auf sich?

Allan Alcorn Oh ja, das war eine faszinierendes Projekt. 1999 habe ich mich einer Firma namens Interval Research angeschlossen, die von Paul Allan, der ärmeren Hälfte der beiden Microsoft-Gründer, gestartet wurde. Aus diesem Forschungsunternehmen gründeten wir eine Spielzeugfirma namens Zowie aus. Wir hatten die Idee, eine virtuelle Videospiel-Welt für fünfjährige Kinder mit einem echten physikalischen Spielbrett zu verbinden. Wenn die Kinder also ihr Spielzeug auf dem Spielbrett bewegt haben, wusste das Computerspiel, wo sich die Figuren befanden und konnte so eine erzählerische und spielerische Verbindung mit dem physikalischen Spielzeug herstellen.

Heiko Klinge Also schon lange vor Buzz oder Guitar Hero.

Allan Alcorn Ja. Es war eine sehr faszinierende aber ziemlich komplizierte Technologie, Dutzende Objekte auf einem Spielbrett zu verfolgen, und das möglichst kostengünstig. Es war echt hart, und wir haben nicht wirklich viel Geld verdient. Allerdings wurde die Firma später gekauft. Von Lego.

Heiko Klinge Also hat es sich ausgezahlt.

Allan Alcorn Ich liebte es. Es ist der Prozess, der Spaß macht. Ab und zu machst du Geld, aber in erster Linie musst du Spaß an der Sache haben, da du meist keines verdienst.

Heiko Klinge Du hast von Anfang an die Branche miterlebt und mitgeprägt. Denkst du, dass Videospiele die Gesellschaft beeinflusst haben?

Allan Alcorn Ich fürchte schon. Ich habe es anfangs eigentlich nur gemacht, um Geld zu verdienen. Die Sache wurde dann größer, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich denke schon, dass es die Gesellschaft verändert hat. Als wir anfingen, konnten die Leute Fernsehsendungen ausschließlich über Antenne empfangen. Es gab kein Kabel, kein Video, nichts von all dem. Ich denke, das Konzept, Bilder auf deinem Fernseher verändern zu können, sie zu kontrollieren, hat die Gesellschaft auf jeden Fall verändert.

Heiko Klinge Und wie sieht es andersherum aus? Meinst du, dass die Gesellschaft irgendwie die Entwicklung der Computerspiele beeinflusst hat?

Allan Alcorn Oh, ich glaube schon. Videospiele sind natürlich mittlerweile wesentlich weiter gekommen als die, die ich damals gemacht habe. Ich denke, sie ahmen die Sehnsüchte und Fantasien der Menschen und Gesellschaft nach, sonst würden sie sich ja auch nicht verkaufen.

Heiko Klinge Also denkst du, dass die Gesellschaft von Computerspielen profitiert?

Allan Alcorn Unterhaltung, Spaß. Hey, was soll falsch daran sein?

Heiko Klinge Was war denn deiner Meinung nach der größte Durchbruch in der Computerspielgeschichte?

Allan Alcorn Nun, da würde ich gleich den allerersten Durchbruch nennen. Und für den war Nolan Bushnell verantwortlich. Er war der erste Mann, der herausgefunden hat, wie man Bilder auf sehr kostengünstigste Art und Weise auf einem Raster-Scan-Fernseher manipulieren konnte. Ursprünglich wollte er dafür einen Mini-Computer benutzen. Das hätte allerdings drei bis viertausend Dollar gekostet und war somit unmöglich. Also haben wir uns die Köpfe darüber zerbrochen, zumal die PCs damals auch nicht so schnell waren. Er entwickelte aber weiter Schaltkreise, die den Computer unterstützten sollten. Ab einem gewissen Punkt, hatte der Computer selbst plötzlich gar nichts mehr zu tun. Nolan brauchte ihn also nicht mehr. Das war der erste große Durchbruch, da wir plötzlich auf einen Schlag keine hohen Kosten mehr hatten. Denn zur gleichen Zeit ließ jemand in Stanford das Spiel Spacewar auf einem Vektor-Display mit einem richtigen Computer laufen. Wir fanden heraus, dass sie jedes mal einen Dollar verschenkten, wenn jemand 25 Cent rein warf um eine Partie zu spielen. Und das machte einfach keinen ökonomischen Sinn. Deshalb denke ich, dass Nolans Technologie der große Durchbruch war.
Ein weiterer Durchbruch war, als wir es schafften, das Heim-Pong auf ein einzelnes Stück Silizium zu packen. Zu dieser Zeit wussten wir überhaupt nicht, ob es funktionieren würde. Aber es klappte.

Heiko Klinge Die folgende Frage wird etwas fies: Wenn man seit über 30 Jahren in der Industrie ist, muss es doch die eine oder andere Entscheidung gegeben haben, die man heute bereut. Gab es da eine spezielle, wo du heute sagst: »Mist, hätte ich das doch anders gemacht«?

Allan Alcorn Ich denke nicht, dass ich irgendetwas bereue –oh doch, da war diese eine Sache: Ich bereue, dass ich nicht Visionär genug war, um zu erkennen, dass jedermann einen PC kaufen würde. Damals arbeitete Steve Jobs für mich. Ich stellte ihn ein. Er war ein Techniker — übrigens kein besonders guter — aber sein Kumpel Wozniak kam immer nachts rein, um Steves Arbeit zu erledigen (Anmerkung der Redaktion: Stephan Gary Wozniak, Erfinder des Apple I und gemeinsam mit Steve Jobs Gründer der Apple Computer Company). Wir haben nie gesehen, was er eigentlich machte, aber alles schien gut zu laufen, deswegen kümmerten wir uns nicht weiter darum. Auf jeden Fall halfen wir Steve, diese abgedrehte Sache zu machen, diesen Apple Computer. Ich für meinen Teil wollte einen, ich bin ja schließlich auch ein Nerd. Aber da draußen gab es nicht viele Nerds. Also halfen wir ihm, an Komponenten und Equipment zu kommen. Er war ziemlich dankbar und bot mir Gründeraktien von Apple an. Ich sagte ihm, dass das mit der Firma nicht klappen würde und nahm lieber einen seiner Computer, den konnte ich brauchen.

Heiko Klinge Autsch, das ist hart. Okay, Themawechsel: Wie hat deiner Meinung nach die immer besser werdende Technologie die Industrie verändert?

Allan Alcorn Ich bin von der letzten Generation der 3D-Grafik fasziniert. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob 3D nun viel besser ist. Denk mal daran, wie unterhaltsam eine Radiosendung, also das gesprochene Wort, sein kann, weil du dir alles in deinem Kopf vorstellen kannst. Wenn du nun einen Film schaust, müssen sie das alles erst einmal schaffen, sie müssen es darstellen. Für mich geht es bei einem Spiel um das Spiel selbst, den Akt des Spielens und nicht um den Versuch, etwas möglichst realistisch nachzuahmen. Die Spiele hat es aber sicherlich verändert und das macht es heutzutage so schwer, konkurrenzfähig zu bleiben. Schließlich erwartet jeder möglichst realistische Grafik. Zu meiner Zeit tat das niemand, da war das Ganze um einiges einfacher.

Heiko Klinge Das bringt mich direkt zu meiner nächsten Frage: Mit den neuen Konsolen wie der Xbox 360 und der Wii gibt es ja eine Art Wettkampf zwischen Technologie und Innovation. Was glaubst du: Wer macht schlussendlich das Rennen?

Allan Alcorn Du hast Recht. Als wir Videospiele gemacht haben, konnte ein Programmierer ein Spiel in drei bis vier Monaten machen. Heutzutage ist es schlimmer als bei einem Kinofilm. Der Einsatz ist dabei so hoch, dass ich Angst hätte, wenn ich immer noch in diesem Business arbeiten würde. Ich meine, es kann dich ruinieren, wenn du scheiterst. Es ist viel schwieriger, erfolgreich zu sein. Zu unserer Zeit war das so viel einfacher. Klar musstest du ein Spiel machen, das Spaß macht, aber du hast nicht Millionen an Dollar riskiert..

Heiko Klinge Und wer wird deiner Meinung nach nun die Nase vorn haben. Die Wii, die Playstation 3 oder die Xbox 360?

Allan Alcorn Tja, dazu gibt es eine technologische und politische Antwort. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen habe ich wirklich keine Ahnung. Mein persönlicher Favorit ist aber die Wii. Ich finde den Weg toll, den Nintendo einschlägt. Und ich mag es, wenn jemand Risiken eingeht. Microsoft hingegen versucht nur, etwas zu kopieren, worin sie übrigens ziemlich gut sind. Sie machen es größer, schneller, besser als die anderen. Nintendo weiß, dass sie auf diesem Sektor nicht gewinnen können, also gehen sie einen anderen Weg. Ich wünsche ihnen viel Glück dabei.

Heiko Klinge Da wir gerade darüber gesprochen haben, dass Spiele immer realistischer aussehen: In Deutschland gibt es zurzeit einige Debatten über Gewalt in Computerspielen. Findest du, dass Spielentwickler heute eine größere moralische und ethische Verantwortung tragen als damals zu deiner Zeit?

Allan Alcorn Puh. Ich denke wenn du es so übertreibst, dass es nur noch grausam ist, wird es sich nicht verkaufen. Es sind ja die Leute, die das Spiel kaufen. Ich denke nicht, dass ein Spielentwickler die Menschen zu etwas zwingen kann, was sie nicht wollen. Jedenfalls nicht mehr als ein Buch, ein Film oder jede andere Form von Unterhaltung. Die heutige Technologie erlaubt es uns, eine sehr realistische Welt zu erschaffen, die du natürlich sehr grausam darstellen kannst. Aber ich gehe auch in Filme, die sehr grausam sind. Einige davon mag ich vielleicht nicht, andere hingegen schon. Ich weiß nicht, ich finde das Wort Verantwortung unpassend, es ist vielmehr eine Art Kunstform. Und wenn jemand miese Arbeit macht, muss ich es weder anschauen noch kaufen.

Heiko Klinge Wieder eine persönliche Frage: Spielst du immer noch Computerspiele?

Allan Alcorn Nicht sehr viel. Aber ich schaue meinen Kindern dabei zu. Für mich war der Spaß bei der Sache, das Spiel zu entwerfen. Mein Spiel ist es eben, ein Spiel zu entwickeln.

Heiko Klinge Was war denn dann das letzte Spiel, das dir wirklich gefallen hat?

Allan Alcorn Hui, da muss ich überlegen. Ja, ich mochte Myst sehr gern und generell diese Art von Adventures. Das waren so die letzten Spiele, die ich selbst gespielt habe. Meinem Sohn habe ich aber dabei zugeguckt, wie er Grand Theft Auto, Halo und all das gespielt hat.

Heiko Klinge Der übliche Kram also.

Allan Alcorn (lacht) Ja, genau den. Wobei ich aber auch diese neuen Kontroller viel zu kompliziert finde.

 »Ich bin einfach nicht mehr gewieft genug für diese vielen Knöpfe.«

Heiko Klinge Also ein weiters Argument für die Wii?

Allan Alcorn Ja. Ich bin einfach nicht mehr gewieft genug für diese vielen Knöpfe.

Heiko Klinge Leider komme ich schon zu meiner letzten Frage. Da du ja schon seit 30 Jahren im Geschäft bist: Wie wäre es mit einer kleinen Prognose. Wie sehen deiner Meinung nach Computerspiele im Jahr 2037 aus?

Allan Alcorn Wow. Nun, offensichtlich werden sie einen wesentlich höheren Detailgrad und einen größeren Realismus besitzen. Augenscheinlich wird alles detaillierter sein, höher aufgelöst sein und mehr Sound besitzen. Junge, das ist echt schwer vorherzusagen, das ist eine neue Technologie. Ich meine, ich komme aus Silicon Valley, wo wir immer versucht haben, die üblichen Denkmuster zu ändern. Es wird hoffentlich irgendeine Art von Realität sein, die wir uns einfach noch nicht vorstellen können. Aber genau das ist ja die Herausforderung für die Entwickler: irgendwie geistig zu erfassen, wie sie sein wird. Es ist schwierig, das jetzt einfach von hier aus zu sagen. Wie Alan Kay (Anm. der Red.: amerikanischer Informatik-Wissenschaftler) schon sagte: »Der beste Weg die Zukunft vorauszusagen, ist sie selbst zu erschaffen.«

Heiko Klinge Was wäre also dein persönlicher Wunsch für die Videospiele der Zukunft?

Allan Alcorn Ich würde gern ein echtes 3D-Umfeld sehen, das du auch in drei Dimensionen steuern kannst. Etwas, das sowohl visuell als auch akustisch absolut realistisch ist. Etwas, das Geräusche so täuschend echt replizieren kann, dass du reelle von künstlichen nicht mehr unterscheiden kannst. Es wäre doch wirklich toll, wenn wir ein visuelles Medium hätten, das dir vorgaukelt, an einem anderen Ort zu sein, wo du wirklich alles manipulieren kannst. Das wäre doch lustig, oder?

Heiko Klinge Na und ob! Vielen Dank für das tolle Gespräch, Allan!

Allan Alcorn Dankeschön, war mir eine Freude.

Dieses Interview erschien in /GameStar/dev 3/2007.

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